Die Presse überschlägt sich in der Berichterstattung. Gewalt gegen Schiedsrichter. Der Hessische Rundfunk widmete einen ganzen Thementag lang den Kollegen, die jedes Wochenende dafür sorgen, das Fußballspiele überhaupt stattfinden können und sich dabei ständiger psychischer und physischer Gewalt aussetzen.

Im Berliner Fußball Verband streiken die Schiries und weigern sich Spiele zu leiten. Nicht zu vergessen der Saarländische FV, bei dem es vor einigen Monaten zu einem Schiri Streik kam. Wer sich etwas Zeit für Recherchen nimmt findet dann auch ganz schell etwas über einen Schiristreik im Hamburger Fußball Verband vor ein paar Jahren.

Und jedesmal ging es nur um ein einziges Thema Gewalt gegen Schiedsrichter. Dabei braucht man gar nicht  erst in anderen Bundesländern nachzusehen, es passiert sogar direkt vor unserer Haustür.

Mein Vereinskollege Stefan hat letzte Saison Hackengas gegeben als er vor einem wild gewordenem Kreisklasse-Spieler in die Schiri Kabine flüchtete. Einem Kollegen aus dem Nachbar-Schiri-Kreis hat man im Frühjahr 'ne Wasserflasche über den Schädel gezogen. Nur der Siggi hat bisher Glück gehabt. Zweimal in meiner Karriere konnte das beherzte Eingreifen des Heimvereins verhindern das mir ähnliches passiert, wie jetzt dem Kollegen vom Hessischem FV am letzten Wochenende.

Da hilft es auch nicht, das der DFB mit Statistiken um sich wirft in denen gewalttätige oder diskriminierende Ausschreitungen als "Spiegel der Gesellschaft" bezeichnet werden und beim Fußball nur eine "Randerscheinung im Promillebereich" sind. Wir reden von etwa 3.000 Übergriffen gegen Schiedsrichter, die jedes Jahr gemeldet werden.

Wer sich mal einen Sonntag lang an den Spielfeldrand stellt, dem wird sehr schnell bewusst, wie viel verbaler Krawall gegen die Kollegen in Schwarz inzwischen zur Tagesordnung gehört und was sich die Kollegen in Schwarz alles anhören und gefallen lassen müssen.. 

Viel zu lange wurde das Gewaltproblem "weggelächelt". Sobald irgendwo wieder irgendetwas passiert, "treibt jeder irgendeine Sau durch´s Dorf", fordert härtere Strafen und härteres Durchgreifen, aber ändern tut sich nichts. Wenn dann wieder "Gras über die Sache" gewachsen ist wird weiter gemacht wie bisher.

Dabei ist es nie die Strafe an sich, die abschreckt sondern die Gefahr erwischt zu werden und die Gefahr der Anwendung einer Strafe.


Eine Auswertung von Straßenverkehrsdelikten zeigte unlängst, das nicht die Höhe einer Strafe für Park-  oder Geschwindigkeitssünder dazu führte das sich an Regeln gehalten wird. Erst die Gefahr und das Bewusstsein bei derartigen Vergehen erwischt und bestraft zu werden zeigte die erwünschte Wirkung das man sich an Höchstgeschwindigkeiten hält und nur dort parkt wo es zulässig ist.


Machen wir doch bei den Parksündern eine Anleihe! Beginnen wir damit, Vergehen sofort zu ahnden und führen recht einfach umzusetzende Änderungen auf Fußballplätzen ein, statt ständig alles Wegzulächeln. Der Siggi macht da mal ein paar Vorschläge, die er aus seiner Erfahrung heraus für sinnvoll hält: 

Es beginnt bei uns Schiedsrichtern selbst. 

Wer Respekt erwartet, muss auch Respektvoll auftreten. Wer regelgerechtes Verhalten erwartet, muss auch selber sich regelgerecht verhalten und die Regeln kennen.

Ja, ich beginne tatsächlich in unserer eigenen Schublade und nehme mich da nicht aus. Wenn ich auf andere Steine werfen will, sollte ich eine selber eine weiße Weste haben [frei nach Johannes 8,7].

Wir erscheinen pünktlich beim Spiel und verhalten uns Respektvoll gegenüber den Spielteilnehmern. Wir fordern eine vernünftige Spielvorbereitung ein und setzen diese auch durch. Wenn wir die Textilvorschriften und Schmuckregeln umsetzen bedeutet dies das auch wir uns daran halten. Was der Schiedsrichter von letzter Woche gemacht hat interessiert uns nicht. Wir halten uns an die vorgegebene Regeln - auch wenn es manchmal schwer fällt und unbequem ist. 

Das setzt aber auch voraus, das wir uns regelmäßig auf den Regelschulungen blicken lassen. Leider ist es jedoch so, das man vielen Schiedsrichtern die letzte Regelschulungsteilnahme an der Kollektion des Schiritrikots ablesen kann. 

Schlechte Vorbilder und deren Nachahmer in den Amateurligen

Der Fisch beginnt am Kopf zu stinken. Zweimal im letzten halben Jahr habe ich bereits offen Kritik an den Vorzeige-Liga-Kollegen geübt. Einmal in einem offenem Wort an Patrick Ittrich und einmal eher etwas allgemeiner

Damit mich keiner falsch versteht: Die Kollegen Schiries der Profi Ligen machen einen phantastischen Job, Sie genießen meinen höchsten Respekt.

Trotzdem habe ich für einige Dinge, die ich da Woche für Woche in den Bundesligastadien sehen muss nur Kopfschütteln übrig.

Liebe Bundesliga-Kollegen denkt doch mal bitte nach. Millionen von Fernsehzuschauern verfolgen Woche für Woche Eure Entscheidungen in den Stadien. Kaum einer von denen wirft je einen Blick in´s Fußball Regelwerk, sie alle lernen Regeln durch Euer Vorbild. Was ihr erlaubt oder eben nicht erlaubt geht ein ins kollektive Fußball Regelgedächtnis. Wenn 2 Millionen Fernsehzuschauer am Samstag Jagdszenen im Bundesligastadion sehen, die völlig folgenlos bleiben, glauben ebenso viele am Sonntag Vormittag, das dies auf dem Grantplatz eben so sein muss. Es wird ja in der Bundesliga auch nicht gepfiffen. Der Schiri hat zu lächeln und zu leiden.

Schreibt Berichte. Viel zu oft bekomme ich mit, das Kollegen zu faul sind Sonderberichte zu schreiben. Einige Schiries vermeiden es sogar Feldverweise auszusprechen um keine Sonderberichte schreiben zu müssen.

Erstattet Strafanzeigen. Der Sonderbericht und die Eintragungen im DFB-net führen nur zu einer Sportgerichtsverhandlung. Der Straftatbestand einer Beleidigung oder einer Körperverletzung wird nur verfolgt, wenn dieser auch bei den Staatlichen Ermittlungsorganen angezeigt wird. Weitere Schadensersatzforderungen bedürfen ggf. einer Zivilklage.

Ich empfehle den Landesverbänden hier eine Rechtsberatungsstelle einzuführen, an die man sich als Schiri wenden kann und die  bei Sonderberichten generell von sich aus aktiv wird.

Ordnungsdienst

Ein Ordnungsdienst wird eine Tätlichkeit auf dem Spielfeld kaum verhindern können. Dennoch kann -bei richtigem Einsatz - ein Ordnungsdienst bereits alleine durch Präsenz und klare Aufgabenbereiche das Gewaltpotential im Umfeld eines Fußballspiels wesentlich verringern.  

Macht einen Ordnungsdienst für jedes Spiel zur Pflicht

Ausreichende Anzahl. Was ist ausreichend, was ist zumutbar, was kann ein Verein leisten? Wer sich mit Sicherheitsdiensten oder den staatlichen Ordnungshütern unterhält, bekommt von diesen Sicherheitsprofis meist die Antwort, das es eine 'Einhundert Prozentige' Sicherheit nie geben wird.  Darüber hinaus ist der Personaleinsatz auch immer eine Abwägung der zwischen Gefährdungslage und Ressourceneinsatz.  

Unter diesem Gesichtspunkt halte ich zwei Ordnungskräfte pro Großfeld bzw. verkleinertes Feld oder je einen Ordnungsdienst pro Halbfeld für angemessen. Wenn ich sehe was bei jedem Spiel mit den 'Händen in den Taschen' auf einer Sportanlage in Vereinsfarben herumsteht und schlaue Sprüche macht, sollte dies in jedem Falle durch einen Verein zu leisten sein. 

Für meinen FC Schwarzenberg mit einem Kunstrasen- und einem Grantplatz bedeutet das maximal vier Ordnungskräfte wenn auf beiden Plätzen Spielbetrieb ist. Sogenannte Risikospiele sind bei uns auf der Sportanlage eher selten - da können dann auch schon mal ein paar mehr Vereinsmitglieder die Ordnerweste überstreifen.

Aufgaben des Ordnungsdienstes: 

Ohne Ordnungsdienst kein Anpfiff. Der Ordnungsdienst hat namentlich auf dem Spielbericht zu stehen und mit Übergabe des Spielberichts persönlichen Kontakt mit dem Schiedsrichter aufzunehmen.

Haltet den Innenraum frei. Oft genug musste der Siggi auf dem Feld mal lauter werden, weil es der Heimverein nicht für nötig hielt, Zuschauer und irgendwelche andere Personen aus dem Innenraum herauszuhalten. Vielen Vereinen ist es überhaupt nicht bewusst, das dies zur Aufgabe des Heimvereins gehört. Wenn der Schiri das Spiel erst unterbrechen muss weil sich wieder einmal Personen im Innenraum aufhalten hat der Heimverein seinen Job nicht gemacht. 

Leider schafft das aber auch Konfliktpotential gegen den Schiri. Dieser muss jetzt eine unbeliebte Anweisung geben, die eigentlich Aufgabe des Heimvereins ist.  Dabei kann sich der Schiri nicht auch noch auf diese Aufgabe konzentrieren. Solche dinge gehen immer zu Lasten der Spielleitung.

Entfernt Störenfriede - Rechtzeitig

Sorgt dafür das die Aufschrift auf dem Schild, welches an Eurer Sportanlage hängt, kein Lippenbekenntnis bleibt. Gewalt beginnt bereits mit Verbalattacken. Beleidigungen und Diskriminierungen sind keine Kavaliersdelikte. Wer sich auf einem Sportplatz nicht benehmen kann und andere Beleidigt, Bedroht oder Diskriminiert stört den Hausfrieden. 

Also lieber Ordnungsdienst: Personalien feststellen, Anlagenverweis aussprechen und dafür sorgen, das die Sportanlage verlassen wird. Anschließend Strafanzeige wegen Hausfriedensbruch stellen und dauerhafte Hausverbote erteilen.

Es erwartet von Euch übrigens niemand, das ihr das alleine bewältigt. Wenn jemand die Sportanlage nicht verlassen will oder ihr der Lage nicht Herr werdet, genügt ein Anruf bei der Polizei.

Ihr solltet die festgestellten Personalien übrigens auch denjenigen zur Verfügung stellen, die Beleidigt oder Diskriminiert wurden, damit auch die eine Strafanzeige stellen können. Viel zu oft nutzen es die Krawallmacher aus, das sie weitestgehend anonym bleiben.

Sportgerichte

Ich gehöre nicht zu denen, die es sich einfach machen und höhere Strafen fordern. Eine Strafe an sich schreckt nicht ab - egal wie hoch sie ist. Zumal viele Taten rund um das Sportgeschehen in einer emotionalen Situation entstehen in der kaum jemand der da ausrastet sich über die Folgen seiner Tat Gedanken macht.

Viel mehr ist es wichtig, das die Sportgerichte konsequent bestrafen. Das fängt bereits bei den verbalen Entgleisungen an. Darüber hinaus ist es wichtig, das die Arbeit der Sportgerichte wesentlich mehr kommuniziert wird. Oftmals wird von den Schiedsrichtern kritisiert, das viele Strafen viel zu niedrig ausfallen.

Dabei ist den vielen, die da Kritik üben oft gar nicht bewusst, das ein Sportgericht eines Fußball Verbandes nicht mit einem Straf- oder Zivilgericht vergleichbar ist und somit auch die möglichen Strafmaße nicht verglichen werden dürfen.

Einen Anwalt für die Schiries

 

Viele Urteile von Sportgerichten werden in der Öffentlichkleit gerade deshalb als "zu Mild" wahrgenommen weil sie mit Urteilen von Straf- oder Zivilprozessen verglichen werden. Dabei wird bspw. die eigentliche Straftat nach StGB bei einer Sportgerichtsverhandlung überhaupt nicht verhandelt. Wenn also der Betroffene keine Strafanzeige stellt, werden die Ermittlungsbehörden auch nicht tätig.

Ich werde das Gefühl nicht los, das viele den Fußballplatz als rechtsfreien Raum betrachten und sich gerade deshalb daneben benehmen. Eine Sperre von einigen Spielen oder die geringen Geldstrafen die ein Sportgericht -oft auch unter Mithaftung des Vereins- aussprechen darf werden von den Verurteilten als lächerlich empfunden:

"Na und! Die Strafe zahlt der Verein, und bei den nächsten beiden Spielen bin ich sowieso auf Malle!" Derartige und ähnliche Kommentare zu Sportgerichtsurteilen habe ich inzwischen schon viel zu häufig gehört.

Es sollte doch für die Fußball Verbände keine Herausforderung sein, für derartige Fälle einen Rechtsanwalt zu organisieren, der grundsätzlich das Mandat eines Betroffenen übernimmt und Strafanzeige stellt. Dann gibt es nämlich nicht nur eine Sportgerichtsverhandlung mit ein paar Spielen Sperre, sondern auch eine Strafe wegen Körperverletzung und eine empfindliche Zivilklage mit Schmerzensgeldansprüchen für den Geschädigten.

Die Fußball Verbände sind sensibilisiert

Letzten Donnerstag ging ein Rundschreiben des DFB an die Schiries ein. Man bedauert da die Vorfälle sehr und sucht Ursachen in der Gesellschaft. Auch die Landesverbände haben sich diesem Rundschreiben mehr oder weniger mit eigenen Statements angeschlossen.

Bleibt abzuwarten ob auf diesen Worte auch Taten folgen werden oder ob hier wieder nur weggelächelt wird. 

 

Mit einem (weg)Lächeln

 

Euer Siggi