... sondern auch das Urteil

Mehr durch Hörensagen bin ich auf eine Studie im Fachblatt "Cognitive Research: Principles and Implications" gestoßen.

Sie bestätigt irgendwie mein Bauchgefühl, welches ich schon immer bei Schulungen und Regelabenden hatte. Darüber hinaus beobachte ich auch bei meinen Schulungen die Reaktion der Schulungsteilnehmer.

Zeitlupen und Wiederholungen führen bei Schiedsrichtern oftmals zu einer anderen Entscheidung als wenn sie die Situation nur einmal und in Originalgeschwindigkeit sehen können.

Was zunächst wie eine Binsenweisheit klingt bekommt einen ganz anderen Hintergrund, wenn wir anhand von Videoszenen eine Schiedsrichterentscheidung nachträglich (ob als VAR oder im Lehrsaal) nochmals analysieren.

Bei Zeitlupen-Beurteilungen fallen Entscheidungen meist härter aus als bei Beurteilung in Orginalgeschwindigkeit und ohne Zeitlupe.

Die Autoren der Studie begründen ihr Untersuchungsergebnis damit, das eine Zeitlupe den Betrachter die Wahrnehmung vermittelt das der jeweils Schuldige wesentlich mehr Zeit für die Kontrolle über seine Aktion hat. Auch der Bewegungsablauf -weil längere Beobachtungssequenz - wird deutlich intensiver wahrgenommen und wird daher auch mit einer grösseren Intensität bewertet.

Die Arbeit unterstreicht dabei noch einmal ausdrücklich, das für die Feststellung einer [Zitat] "objektiven Grundwahrheit" [Zitat Ende] die Zeitlupe sehr wohl hilfreich sein kann und definitiv zu besseren Ergebnissen führt (und in diesem Einzelfall wohl auch geführt hätte).

Für bestimmte Arten von Situationen und Entscheidungen kann ein Zeitlupenvideo hilfreich sein und zur Erhöhung der Entscheidungsgenauigkeit von Nutzen sein. Wenn Sie ein Bild verlangsamen, wird möglicherweise deutlich, wer ein Foul ausgelöst hat, ob tatsächlich ein Kontakt aufgetreten ist und ob ein Foul innerhalb oder außerhalb des Strafraums aufgetreten ist.

Wesentlich interessanter und auch der Schwerpunkt dieser Arbeit ist der Teil der subjektiven Bewertung einer Situation. Hierzu wird in der Conclusio festgestellt:

Die Beurteilung des menschlichen Verhaltens und der menschlichen Emotionen, beispielsweise der Intentionalität, ist jedoch eine ganz andere Geschichte. Basierend auf unseren Ergebnissen schließen wir, dass Zeitlupe einen Einfluss hat und den Unterschied ausmachen kann, wenn Sie eine Aktion als unachtsam (ohne Karte), rücksichtslos (gelbe Karte) oder mit übermäßiger Kraft (rote Karte) wahrnehmen. [...]. Unsere Ergebnisse haben erhebliche Auswirkungen auf die aktuelle Debatte über die Einführung von Technologie und die Festlegung von Richtlinien für den Einsatz von Zeitlupe im Entscheidungsprozess.

Es lohnt sich in jedem Fall den Artikel mal genauer zu lesen.

Kommentiert wird dieser Artikel er auch im Tagesspiegel oder im Online Portal des mdr. Leider geht aber vieles bei den Pressekommentaren unter. 

Meine Empfehlung: Sich mal die Zeit nehmen und den im Eingang meines Beitrags verlinkten wissenschaftlichen Fachbeitrag studieren.

 

Grüsse von einem nachdenklichem Siggi