Hallo Freunde der gepflegten Grätsche,

ich muss mir heute mal was von der Seele schreiben, bevor mir beim nächsten Lehrabend der Kragen platzt. Habt ihr schon mal versucht, eine Schneeflocke in eine quadratische Backform zu pressen? Nein? Herzlichen Glückwunsch, ihr seid schlauer als die Chef-Statistiker beim DFB.

Dort oben, in den klimatisierten Glaspalästen, hat man nämlich seit einigen Jahren eine neue Lieblingsbeschäftigung: Konformitätstests. Man möchte das „Ermessen“ des Schiedsrichters objektivieren. Man zieht „Leitplanken“ ein. Klingt erst mal seriös, fast schon nach TÜV-Abnahme für den Strafstoß. In Wahrheit ist es der Versuch, den Fußball zu entmenschlichen.

 

Die Theorie: Das Elfenbeinturm-Prinzip (Seriös zitiert)

„Die Implementierung regelmäßiger Konformitätstests dient der Vereinheitlichung der Regelauslegung. Durch die Analyse standardisierter Videosequenzen sollen subjektive Ermessensspielräume in objektivierbare Entscheidungskorridore überführt werden. Ziel ist eine ligaübergreifende Vergleichbarkeit von Spielsituationen, um die Vorhersehbarkeit schiedsrichterlicher Entscheidungen zu erhöhen.“

Siggis Realitätscheck: Der Wahnsinn mit Methode

Hört, hört! „Objektivierbare Entscheidungskorridore“. Wenn ich das schon lese, kriege ich Sodbrennen.

Liebe Theoretiker in Frankfurt: Fußball ist kein Laborversuch. Es gibt keine zwei exakt gleichen Spielszenen. Jede Szene ist eine Schneeflocke – individuell, chaotisch und im Bruchteil einer Sekunde geboren. Und was macht ihr? Ihr zeigt uns Videoclips in Super-Zeitlupe aus sieben Perspektiven. Das ist wie einen Unfallbericht auf Basis eines Gemäldes von Picasso zu schreiben.

In der Kreisliga habe ich keine sieben Kameras. Ich habe eine eingeschränkte Perspektive, Schweiß in den Augen und einen Linksaußen, der mich gerade als „Blindfisch“ tituliert hat. Und in diesem Moment soll ich mein subjektives Empfinden – mein Fingerspitzengefühl – in euer Excel-Sheet pressen?

Das Handspiel-Dilemma: Wenn die Leitplanke zum Stolperdraht wird

Das beste Beispiel für dieses Herumeiern ist die Handspielregel. Seit Jahren versucht man krampfhaft, die gute alte „Absicht“ von 1863 durch geometrische Winkel und unnatürliche Körpervergrößerungen zu ersetzen.

Was ist das Ergebnis? Wir pfeifen Elfmeter für Handkontakte, die so natürlich sind wie das Atmen, nur weil irgendein Konformitäts-Clip uns eingetrichtert hat, dass der Arm ab 45 Grad als „ausgelagert“ gilt. Wir bestrafen Spieler für physikalische Gesetze! Das ist kein Fußball mehr, das ist eine Vorlesung in Biomechanik – gehalten von Leuten, die beim Kicken wahrscheinlich über ihre eigenen Schnürsenkel fallen würden.

Das Gift der Verwässerung

Und das Schlimmste: Was zum Saisonstart als das „Non Plus Ultra“ der Regeländerung angepriesen wird, ist im Oktober meist schon wieder so verwässert wie das Light-Bier im Vereinsheim. Kaum führt eine dieser „konformen“ Entscheidungen in der Bundesliga zu einem medialen Aufschrei, heißt es von oben: „Ja, also, solch einen Strafstoß / solch eine rote Karte wollen wir eigentlich nicht sehen.“

Ach was?! Erst zieht ihr Leitplanken ein, und wenn einer dagegen fährt, sagt ihr, die Planke war nur ein Serviervorschlag? Das ist die reinste Willkür im Gewand der Wissenschaft!

Der „Lothar-Effekt“ am Grantplatz

Und wir an der Basis dürfen es ausbaden. Am Samstagnachmittag sitzt der Kreisliga-Trainer vor dem Fernseher und hört einem Kommentator zu, der seit den 80er Jahren kein Regelbuch mehr von innen gesehen hat, aber mit der Überzeugung eines Nobelpreisträgers Halbwahrheiten à la Lothar Matthäus verbreitet.

Am Sonntag stehe ich dann auf dem Platz und soll einem wütenden Mob erklären, warum eine Entscheidung nach Regel 12 (die sich übrigens seit Jahrzehnten kaum geändert hat!) richtig war, obwohl sie nicht „konform“ zu dem war, was der Experte gestern im TV gefaselt hat.

Siggis Fazit: Mut zum Ermessen!

Fußball lebt von der Subjektivität. Ein Schiedsrichter ist kein Roboter, er ist ein Richter mit Augenmaß. Wenn wir das Ermessen abschaffen und durch starre Konformität ersetzen, verlieren wir die Seele des Spiels.

Lieber DFB: Behaltet eure Video-Tests. Gebt uns lieber Regeln, die so klar sind, dass sie auch auf dem Grantplatz ohne VAR-Zentrale funktionieren. Ein Foul ist ein Foul, und Absicht ist Absicht. Das hat 100 Jahre funktioniert.

Hört auf, den Fußball in Formulare zu gießen. Er läuft sonst einfach unten raus.

Gut Pfiff,

Euer Siggi