Schluss mit dem Gebrüll im Sandkasten! Wenn Patrick Ittrich die Pfeife an den Nagel hängt, verliert der deutsche Fußball mehr als nur einen Unparteiischen – er verliert seinen letzten Anker für gesunden Menschenverstand. Zwischen hinfälligen Millionären, dem digitalen Kontrollwahn des DFB und Studio-Experten, die ihr Wissen aus YouTube-Tutorials beziehen, war Ittrich der letzte Erwachsene auf dem Platz. Warum er uns fehlen wird und warum die Kreisliga eigentlich der einzige Ort ist, an dem die Welt noch in Ordnung ist, lest ihr heute in Siggis neuem Kommentar.

Man sagt ja immer, im Fußball seien alle gleich. Aber wenn wir ehrlich sind: In der Kreisliga gibt es drei Kategorien von Menschen an der Pfeife. Da ist der „Regel-Fetischist“, der dir beim Einwurf die Zentimeter-Abweichung mit dem Geodreieck nachmisst. Dann gibt es den „Phlegmatiker“, der nur läuft, wenn der Bratwurstduft vom Vereinsheim zu stark wird. Und dann gibt es die Kategorie „Mensch“.

Patrick Ittrich war – auch wenn er in den glitzernden Arenen der Bundesliga zu Hause war – im Herzen immer einer von uns. Einer, der verstanden hat, dass Fußball kein Jura-Studium auf Gras ist, sondern ein Spiel von Menschen für Menschen. Jetzt hört er auf. Mit 46. Ein Alter, in dem unsereins in der Ü40-Mannschaft froh ist, wenn die Knie beim Aussteigen aus dem SUV nicht knacken wie eine Packung Knäckebrot.

Der letzte Erwachsene verlässt den Sandkasten

Man muss sich das Ende von Patrick Ittrichs Karriere wie den Moment vorstellen, in dem bei einer völlig aus dem Ruder gelaufenen Kita-Geburtstagsfeier plötzlich das Licht angeht und jemand sagt: „So, Kinder, jetzt ist aber mal Schluss mit dem Gebrüll.“ Nur dass die Kinder in diesem Fall 25-jährige Millionäre mit Wadenkrämpfen der Eitelkeit sind und die Erzieher beim DFB in Frankfurt sitzen und seit Jahren versuchen, die Schwerkraft durch Gremienbeschlüsse zu ersetzen.

Ittrich hört auf. Und mit ihm verschwindet etwas, das im modernen deutschen Fußball seltener geworden ist als eine sachliche Debatte im öffentlich-rechtlichen Fernsehen: Der gesunde Menschenverstand.

Schauen wir uns doch mal an, was da auf dem Rasen zurückbleibt. Wir haben es heute mit einer Generation von Spielern zu tun, die beim kleinsten Windhauch umfallen, als wären sie gerade von einer Schrotflinte getroffen worden, nur um Sekunden später – nach einem bittenden Blick zum Unparteiischen – wie durch ein biblisches Wunder wieder aufzuerstehen. Das ist kein Sport mehr, das ist leistungsorientiertes Laienschauspiel.

Und dann der DFB. Ein Verband, der das Schiedsrichterwesen so weit bürokratisiert hat, dass man bald eine beglaubigte Abschrift der Genfer Konvention braucht, um ein Handspiel im Strafraum zu erklären. Der VAR, dieses digitale Orakel aus dem dunklen Keller zu Köln, hat die Schiedsrichter zu reinen Vollzugsbeamten degradiert, die minutenlang auf Bildschirme starren, als suchten sie in den Pixeln nach dem Sinn des Lebens. In dieser Welt der sterilen Regel-Exegese ist Ittrich der wohltuende Anachronismus. Er hat nicht nur gepfiffen, er hat kommuniziert. Er hat erklärt. Er hat – Gott bewahre – gelächelt.

Die Hohepriester der Standbild-Exegese

Und dann sind da natürlich noch die „Experten“ in den Studios. Diese geschminkten Orakel, die uns mit einer Ernsthaftigkeit die Welt erklären, als ginge es um die Verteilung von Impfstoffen in Krisengebieten und nicht um die Frage, ob der linke Zehnagel eines Außenstürmers im Abseits stand.

Man muss sich das mal vorstellen: Da sitzen ehemalige Profis, deren größte intellektuelle Leistung in den Neunzigern darin bestand, den Mannschaftsbus unfallfrei zu finden, und dozieren heute über „biomechanische Abläufe“ beim Handspiel. Ihr gesamtes Regelwissen scheint direkt aus einem 15-minütigen YouTube-Tutorial von einem Typen zu stammen, der „Schiri-Check24“ heißt und in seinem Kinderzimmer Standbilder so lange vergrößert, bis man nur noch bunte Pixel sieht.

Diese Herren im Studio haben eine ganz besondere Gabe: Sie können aus einer Millisekunden-Entscheidung, die Ittrich auf dem Platz bei Puls 180 treffen muss, eine dreitägige philosophische Abhandlung machen. Dank der 4k-Super-Slow-Motion sieht bei denen jeder harmlose Rempler aus wie ein versuchtes Tötungsdelikt. „Man sieht hier ganz deutlich die unnatürliche Vergrößerung der Körperfläche“, flötet dann der Experten-Loddar-(Matthäus), während er an seinem Designer-Sakko zupft. Dass der Spieler sich gerade nur abfangen wollte, um nicht mit dem Gesicht im Rasen zu landen – geschenkt. In der Welt der Studio-Analysten ist Physik ohnehin nur eine unverbindliche Empfehlung des DFB.

Siggis Schlusswort

Das ist das Problem: Wir haben das Spiel den Theoretikern überlassen. Denen, die glauben, dass man Emotionen weg-analysieren kann, wenn man nur genügend Pfeile auf einen Touchscreen malt. Ittrich war die letzte Brandmauer gegen diesen Wahnsinn. Wenn er geht, bleibt uns nur noch die sterile Analyse von Leuten, die den Geruch von nassem Rasen nur noch aus Erzählungen kennen.

Dass er nun geht, weil die Knochen nicht mehr mitmachen, ist die tragische Pointe. Während sich an den Seitenlinien Trainer aufführen, als befänden sie sich im permanenten epileptischen Anfall, zieht Ittrich den Stecker.

Patrick, wenn du mal Sehnsucht hast: Auf dem Sportplatz FC Schwarzenberg pfeife ich nächsten Sonntag die Zweite Herren gegen den SV Wacker 07 in einem Freundschaftskick. Da gibt es keine Kameras, keinen VAR und die einzige Analyse findet nachher am Tresen bei einem lauwarmen Pils statt. Da zählt noch das Wort und der Handschlag. Genau so, wie du es immer vorgelebt hast.

Danke für die klare Kante. Du bist einer der Guten.

Dein Siggi