Es gibt Momente, da schweigt sogar die Bratwurstbude. Das ist selten im deutschen Amateurfußball, wo das Zischen des Zapfhahns und das Pöbeln gegen den Schiedsrichter normalerweise zum sakralen Grundrauschen des Wochenendes gehören. Aber die Nachricht aus Erlangen hat eine Stille hinterlassen, die sich wie Mehltau über die Ascheplätze und Kabinengänge legt. Ein Kind ist tot. Erschlagen von einem Fußballtor.

Man muss sich das vergegenwärtigen: Wir schicken unsere Söhne und Töchter am Samstagmorgen zum Verein, damit sie Teamgeist lernen, sich an der frischen Luft bewegen und vielleicht – wenn es gut läuft – den Ball unfallfrei über drei Meter passen. Wir schicken sie nicht dorthin, damit sie unter einer Tonne Aluminium begraben werden, nur weil irgendjemand dachte, „des passt scho“.

In Deutschland lieben wir Regeln. Wir haben Regeln für die Krümmung der Gurke, für den Neigungswinkel von Dachpfannen und für das korrekte Gendern in der Satzung des Kaninchenzüchtervereins. Wenn es aber um die DIN EN 748 geht, jene wunderbar bürokratische Norm, die festlegt, wie ein Fußballtor gegen Umkippen zu sichern ist, dann entdeckt der deutsche Vereinsvorstand plötzlich seine rebellische, libertäre Ader. Dann wird die Sicherheit zur lästigen Empfehlung degradiert.

Ich kenne diese Diskussionen. Ich führe sie fast jedes Wochenende beim Spielfeldaufbau. Da stehe ich dann als Siggi, der Spielverderber, und rüttle an den Pfosten. „Hör mal, Siggi“, sagen sie mir dann, während sie sich den Bauch reiben, „das Tor steht seit 1984 so. Da ist noch nie was passiert.“ Es ist die Logik des Überlebenden, der glaubt, dass die Abwesenheit einer Katastrophe in der Vergangenheit eine Garantie für die Zukunft sei.

Wenn ich dann ankündige, das Spiel nicht anzupfeifen, bevor die Kontergewichte dran sind oder die Erdnägel sitzen, schlägt die Stimmung um. Plötzlich bin ich der „Paragraphenreiter“,Broschüre des DFB zur Torsicherung der „Wichtigtuer“, der den Kindern den Spaß verdirbt. Dass ich eigentlich versuche zu verhindern, dass der Spaß in einer Beerdigung endet, wird als bürokratische Schikane abgetan.

Ich habe in meiner Laufbahn schon viele Spiele nicht angepfiffen. Ich habe Berichte geschrieben, die so dick waren wie das Telefonbuch von Buxtehude. Und ja, die Vereine haben die Keule zu spüren bekommen. Geldstrafen, Punktabzüge, hasserfüllte Anrufe unter der Woche. Es war mir egal.

Denn wissen Sie, was wirklich weh tut? Nicht ein verlorenes Spiel am grünen Tisch. Nicht eine Geldstrafe, die man mit zwei verkauften Kisten Bier wieder drin hat. Was wirklich weh tut, ist die Ignoranz derer, die für die Sicherheit verantwortlich sind und die DIN EN 748 für eine unverbindliche Abendlektüre halten.

In Erlangen ist das Unvorstellbare passiert. Und während die Funktionäre jetzt wahrscheinlich wieder in ihren Sitzungen händeringend nach Ausreden suchen, warum die Torsicherung gerade an diesem Tag „leider nicht praktikabel“ war, bleibt ein Platz leer.

Mein Appell an alle Platzwarte, Vorstände und „Macher“ der Kreisliga: Hört auf zu diskutieren. Hört auf zu pfuschen. Wenn die Tore nicht gesichert sind, bleibt die Pfeife stumm. Und wenn euch das nicht passt, dann habt ihr auf einem Sportplatz nichts verloren. Denn Fußball ist ein Spiel – aber die Sicherheit unserer Kinder ist bittere Pflicht.

In diesem Sinne: Sichert eure Tore. Bevor es der Staatsanwalt für euch tut.

Euer Siggi.