Hallo Freunde der gepflegten Grätsche,
wer in den letzten Tagen auf unsere digitale Heimstätte geklickt hat, dürfte sich kurz am Kopf gekratzt haben. Ja, wir sind umgezogen – raus aus dem digitalen Mottenkasten auf einen neuen Server, der hoffentlich stabiler läuft als die Viererkette meiner Lieblings-Kreisklasse. Und wenn man schon mal beim Renovieren ist, haben wir gleich den Lackierer kommen lassen: Die Seite erstrahlt in einem modernen Look, und auch inhaltlich haben wir kräftig durchgelüftet.
Keine Sorge, wer jetzt Schnappatmung bekommt: Die Intention bleibt exakt dieselbe. Ich lasse mir den süffisanten Blick auf den Wahnsinn rund um das runde Leder natürlich nicht verbieten. Nur weil das Design jetzt schicker aussieht, wird aus dem Meckern an der Seitenlinie schließlich keine Philharmonie.
Damit ihr aber nicht schon wieder nur meine Monologe ertragen müsst, gibt es heute eine Premiere. Mein alter Freund Mats von Reinicken ist mal wieder durchs Land gereist, hat natürlich beim FC Schwarzenberg vorbeigeschaut und ist dabei direkt über mich gestolpert. Da er eigentlich gerade mitten in den letzten Zügen der Abschlussarbeit für sein neues Buch „Spätrömische Dekadenz“ steckt, war die Ablenkung durch den hiesigen Kreisliga-Wahnsinn natürlich hochwillkommen. Da Mats von mir bis auf Weiteres keine Administratorrechte im System bekommt – man muss schließlich Grenzen setzen, sonst ändert er noch die Schriftart –, präsentiere ich euch seinen Text hier ganz offiziell als Gastbeitrag.
Lehnt euch zurück, genießt den neuen Look und lest selbst, was Mats zwischen Buchmanuskript und Bratwurststand zu Papier gebracht hat.
Gastbeitrag: Vom Segen des ehrlichen Schweißes und dem Irrglauben der perfekten Welt
(Gastbeitrag: Mats von Reinicken)
Man muss den Menschen ja dankbar sein für ihren unerschütterlichen Optimismus. Da wird im Zuge eines Serverumzugs und eines optischen Relaunchs so getan, als ließe sich der deutsche Amateurfußball durch ein paar moderne Pixel und eine aufgeräumte Menüleiste von seinem historischen Ballast befreien. Als könnte man den stechenden Geruch von Krombacher und Bratfett durch responsives Webdesign ersetzen.
Ich gestehe: Ich liebe diesen Zustand der organischen Unvollkommenheit. Während ich mich an meinem Schreibtisch sonst stundenlang mit den Abgründen der geistigen Erschöpfung und den letzten Kapiteln meiner Abschlussarbeit über „Spätrömische Dekadenz“ plage, bietet der hiesige Dorfplatz – namentlich beim geschätzten FC Schwarzenberg und im Beisein unseres Chef-Unparteiischen Siggi – jene heilsame Kontrastprogramm-Unvernunft. Hier zeigt sich der Mensch noch in seiner reinsten Form: fehlerhaft, laut und felsenfest davon überzeugt, dass der Linienrichter eine akute Sehschwäche hat.
Es gehört zu den amüsanten Begleiterscheinungen unserer Zeit, dass wir glauben, mit jeder technischen Neuerung dem Paradies ein Stück näher zu rücken. Ein schnellerer Server, ein schickeres Layout – gewiss, das Auge liest mit. Doch wer ernsthaft meint, man könne die archaische Wucht eines sonntäglichen Abseitspfiffs durch Algorithmen optimieren, hat den Ernst des Spiels nicht verstanden. Der Fußball lebt von der Reibung, vom gepflegten Missverständnis zwischen den Generationen und von der Gewissheit, dass der Schiedsrichter am Ende ohnehin an allem schuld ist.
Deshalb begrüße ich diesen neuen Look ausdrücklich. Er ist der perfekte Rahmen für das, was bleibt: die stoische Gelassenheit des wahren Kenners gegenüber dem großen Weltschmerz im Strafraum. Möge der Server halten und die Kritiker schweigen.
Ihr Mats von Reinicken